Die Advents- und Weihnachtszeit wird oft als Zeit der Ruhe, Nähe und Besinnlichkeit beschrieben. Gleichzeitig erleben viele Menschen diese Wochen als emotional fordernd, dicht getaktet und von hohen Erwartungen geprägt. Für Menschen mit Suchterfahrungen oder in einer sensiblen Phase der Veränderung kann diese Zeit besondere Herausforderungen mit sich bringen.

Dieser Beitrag beleuchtet, warum die Vorweihnachtszeit das Risiko für Rückfälle oder problematisches Suchtverhalten erhöhen kann, welche saisonalen und psychosozialen Faktoren dabei eine Rolle spielen und weshalb Unterstützung häufig erst nach den Feiertagen gesucht wird. Zudem werden Ansätze zur Prävention und Stabilisierung vorgestellt, nicht als starre Vorgaben, sondern als Einladung zur achtsamen Selbstfürsorge.

Der Konsum von Alkohol und anderen Substanzen ist nicht gleichmäßig über das Jahr verteilt. Forschungsergebnisse zeigen deutliche saisonale Muster: In der Weihnachtszeit steigt der Alkoholkonsum spürbar an, ebenso der gelegentliche Konsum anderer Substanzen.

Auch bei Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen lassen sich jahreszeitliche Schwankungen in Konsum- und Rückfallmustern beobachten. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass schwere Alkoholentzugszustände – ein relevanter Risikofaktor für Rückfälle und gesundheitliche Komplikationen – häufiger nach der Winter- und Feiertagssaison auftreten.

Diese Befunde deuten darauf hin, dass Wintermonate, Feiertage und Übergangsphasen wie der Jahreswechsel eine besondere Vulnerabilität für Menschen mit Suchtproblemen darstellen können.

Mehrere psychosoziale Mechanismen verstärken das Rückfallrisiko in der Adventszeit:

Soziale Verpflichtungen und Feiern
Weihnachtsfeiern im beruflichen oder privaten Umfeld, Glühwein auf Weihnachtsmärkten oder Adventstreffen sind häufig eng mit Alkohol, Nikotin oder anderen Suchtmitteln verbunden. Der soziale Druck, „mitzumachen“, sowie alte Gewohnheiten können besonders herausfordernd sein.

Emotionale Belastung, Stress und Überforderung
Organisatorischer Druck, familiäre Erwartungen oder finanzielle Sorgen treffen auf emotionale Themen wie Einsamkeit, Traurigkeit oder Nostalgie. Diese Kombination kann bei vulnerablen Personen starken Suchtdruck auslösen.

Saisonale Stimmungslagen und psychische Faktoren
Weniger Tageslicht, dunkle Tage und winterliche Bedingungen können das psychische Wohlbefinden beeinträchtigen. Saisonale Stimmungstiefs stehen in einem bekannten Zusammenhang mit erhöhtem Suchtverhalten.

Unterbrechung von Routinen und Unterstützungssystemen
Feiertage und Ferien führen häufig dazu, dass bewährte Strukturen wegfallen: Therapien pausieren, Selbsthilfegruppen finden seltener statt, der Alltag verliert an Stabilität. Ohne diese Schutzfaktoren steigt das Rückfallrisiko deutlich.

Hohe Verfügbarkeit und Konsumdruck
Die Weihnachtszeit ist geprägt von Konsum: Alkohol, Süßigkeiten, Geschenke, Online-Shopping oder Glücksspielangebote sind allgegenwärtig. Für Menschen mit Suchterfahrungen kann diese ständige Verfügbarkeit besonders belastend sein.

Auffällig ist, dass viele Betroffene gerade in der Vorweihnachtszeit seltener professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, obwohl das Risiko für problematischen Konsum erhöht ist. Der tatsächliche Behandlungsbedarf zeigt sich häufig erst im Januar, wenn die Folgen sichtbar werden. Diese zeitliche Verzögerung kann Rückfälle verschärfen und die Situation stabilisierender Hilfe erschweren.

Auch wenn Alkohol häufig im Fokus steht, sind andere Abhängigkeiten ebenfalls relevant – etwa Essstörungen, Kaufsucht, Glücksspiel oder Online-Sucht. Die zugrunde liegenden Mechanismen sind ähnlich: Stress, emotionale Belastung, soziale Erwartungen und hohe Verfügbarkeit wirken auch hier als Risikofaktoren.

Um Rückfällen vorzubeugen, sind gezielte Strategien besonders wichtig:

  • Struktur und Routinen aufrechterhalten, auch in Ferien- und Feiertagszeiten
  • Gesunde Bewältigungsstrategien nutzen, statt Emotionen oder Stress über Konsum zu regulieren
  • Soziale Unterstützung aktiv einbinden und frühzeitig über Belastungen sprechen
  • Bewusstsein für saisonale Risiken stärken und sich gezielt vorbereiten
  • Präventionsangebote sichtbar machen, insbesondere vor und während der Feiertage

Die Vorweihnachtszeit ist für viele Menschen ambivalent. Sie kann verbinden und wärmen aber zugleich alte Muster, Erinnerungen oder Belastungen verstärken. Für Menschen mit Suchterfahrungen bedeutet das nicht automatisch Rückfall oder Scheitern, sondern vor allem: eine Zeit erhöhter Sensibilität.

Sich dieser besonderen Dynamik bewusst zu sein, kann entlasten. Nicht alles muss „geschafft“ oder ausgehalten werden. Kleine Schritte, klare Grenzen, das Annehmen von Unterstützung und der respektvolle Umgang mit den eigenen Bedürfnissen können Stabilität geben, gerade dann, wenn es im Außen unruhig wird.

Beratung, Austausch und Begleitung müssen nicht erst dann beginnen, wenn etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Manchmal ist es bereits ein wichtiger Schritt, sich selbst ernst zu nehmen und frühzeitig innezuhalten. Lass uns gemeinsam den ersten Schritt gehen.

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